Arbeit flexibel gestalten

Interview mit Dr. Susanne Angerhausen über die Organisation von Beruf und Privatleben im Paritätischen NRW

Warum ist das Thema „Beruf und Privatleben vereinbaren“ so wichtig für den Paritätischen und seine Mitgliedsorganisationen?
Wir sind der Gleichstellung von Frau und Mann verpflichtet – eine Haltung, die sich schon in unserem Grundsatzpapier von 1997 zur „Gleichwertigen Förderung der Arbeit von Frauen und Männern“ zeigt. Dazu gehört die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, und das wollen wir nach innen und außen transportieren. Denn auch für unsere Mitgliedsorganisationen ist diese Frage existenziell.

Inwiefern?
Auch bei ihnen werden Fachkräfte knapper. Sie fragen sich, wie sie mit guten Arbeitsbedingungen Beschäftigte halten und neue hinzugewinnen können. Gerade in Bereichen wie der ambulanten Pflege oder in Kindertagesstätten sind viele weibliche Fachkräfte tätig, die Beruf und Familie unter einen Hut bekommen müssen. Aber auch Männer wollen heute mehr für ihre Familie da sein. Gleichzeitig haben sich Arbeitswelt und Rahmenbedingungen verändert: Größere Mobilität ist gefragt, weil sich der Arbeitsplatz oft nicht um die Ecke befindet und die Familie woanders lebt. Da gibt es nicht immer eine Oma, die die Kinder betreut.

Also geht es vor allem um Kinder?
Familie kann auch Pflege bedeuten: Wir haben einige Kolleginnen und Kollegen im Verband, die ihre Stundenzahl reduzieren, um sich pflegebedürftigen Angehörigen zu widmen.

Was sind denn die Konsequenzen, wenn Vereinbarkeit scheitert?
Menschen leben meist nicht alleine, sondern in privaten und sozialen Zusammenhängen. Diese muss man leben können, sonst gibt es ständig Konflikte. Misslingt die Vereinbarkeit, ist das eine permanente Stressquelle – etwa, wenn eine Mitarbeiterin verschweigt, dass sie einen Angehörigen pflegen muss. Die Beschäftigten sind demotiviert, nicht mehr so leistungsfähig, haben den Kopf nicht frei für ihre Arbeit. Und werden öfter krank.

Wie lässt sich das vermeiden?
Eigene Gestaltungsspielräume führen dazu, dass Menschen gut und gerne arbeiten. Das gilt auch für die Arbeitszeiten: Sind diese flexibel, haben Mitarbeitende schon viel gewonnen. Es wundert sich dann niemand, wenn ein Vater plötzlich gehen muss, um sein krankes Kind von der Kita oder Schule abzuholen.

Was können Arbeitgeber tun, damit ihre Mitarbeiterschaft Beruf und Privatleben besser vereinbaren kann?

Zunächst einmal ist jeder für sein Privatleben selbst verantwortlich, muss seine eigenen Gestaltungsmöglichkeiten im Blick behalten. Das heißt, Arbeitgeber können die Vereinbarkeit nicht gewährleisten – aber unterstützen.

In welcher Form?
Es geht zum Beispiel um eine möglichst freie Gestaltung der Arbeitszeit durch unterschiedliche Teilzeitmodelle oder Arbeitszeitkonten mit flexiblem Stundenausgleich. Daneben braucht es auch eine entsprechende Unternehmenskultur. Es muss Vorbilder geben, auch durch Vorgesetzte. Es darf nicht sein, dass ein Chef verärgert ist, weil das Kind der Mitarbeiterin krank ist.

Wie sieht das beim Paritätischen aus?

Bei uns kann man in Teilzeit flexibel und in allen Skalierungen arbeiten. Auch in Leitungsfunktion. Und wir schauen ganz individuell, wie wir Beschäftigte unterstützen können.

Diese Flexibilität lässt sich aber nicht einfach vom Verband auf die Mitgliedsorganisationen übertragen.
Nein, denn viele haben andere Anforderungen und Arbeitsbedingungen, etwa durch Schichtdienst oder weil sie nur wenig Personal haben. Flexible Arbeitszeiten umzusetzen, ist hier deutlich schwieriger. Es gilt aber dennoch, darüber nachzudenken, ob man sie besser organisieren kann.

Was können Sie dabei tun?
Wir beleuchten das Thema, klären, wie sich Organisationsstrukturen entsprechend weiterentwickeln lassen. Um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie besser zu unterstützen, ermöglicht der Paritätische in Zusammenarbeit mit seinen Mitgliedsorganisationen die Kinderbetreuung.

Welche Strategien gilt es darüber hinaus zu entwickeln?

Vor allem den Punkt Beruf und Pflege müssen wir im Blick behalten. Wir sollten im Verband genau verfolgen, ob unsere Maßnahmen für pflegende Angehörige greifen. Auch die gesetzlichen Regelungen zur Pflegezeit verändern sich gerade.

Wie wird sich das Thema Vereinbarkeit aus Ihrer Sicht weiterentwickeln?
Wir müssen auch gesellschaftliche Entwicklungen berücksichtigen: Wie verändert sich unser Arbeitsleben? Wie beeinflusst das unsere Unternehmenskultur? Die Zahl der Beschäftigten, die keine Kinder haben, wächst. Privatleben, das bedeutet neben Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen vielleicht auch ein Ehrenamt, ein Haustier oder ein Hobby als Ausgleich. Halten wir es für legitim, wenn ein Mitarbeiter früher nach Hause gehen möchte, damit er nicht im Dunklen joggen muss? Oder sich eine Mitarbeiterin um ihr Pferd kümmern möchte? Auch hier muss sich die Unternehmenskultur weiterentwickeln.

(Text: Irina Rasimus Kommunikation, Köln)

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Dr. Susanne Angerhausen
Personalleiterin Paritätischer NRW
angerhausen@paritaet-nrw.org